
Offener Brief, 2.5.04
Lieber Bert,
diesen Brief zu schreiben, fällt mir sehr schwer, aber es muss sein. Ich
schreibe ihn auch als "offenen Brief", weil er nicht nur an Dich geht,
sondern auch an Kolleginnen und Kollegen aus der systemischen Therapie.
Was ist der Kern des Briefes: es ist eine deutliche Absage an Dich. Schon
vor längerer Zeit habe ich mich innerlich von Dir verabschiedet, nachdem ich
lange sehr beeindruckt war. Dennoch habe ich die vielen kritischen Berichte
über Deine Äußerungen und Dein Vorgehen, von denen ich mitbekam, anfangs für
verzerrte und aus dem Zusammenhang gerissene Formen der Berichterstattung
gehalten. Später versuchte ich, sie als Zeichen einer im Alter starrer
werdenden Haltung zu entschuldigen. Lange habe ich versucht, sie durch
Schweigen zu übergehen. Als das nicht mehr möglich wurde, weil mich immer
wieder Menschen fragten, was ich denn dazu sage, habe ich in vielen
Gesprächen immer wieder hervorgehoben, wie viel ich von dir gelernt habe,
was ich an Dir schätze und dafür plädiert, dass die offensichtlich
kritikwürdigen Geschehnisse aus vielen Berichten über Dich doch bitte nicht
die Möglichkeit entwerten sollten, Aufstellungsarbeit systemisch anzusehen
und sie in einem anderen Sinn und Geist zu vertreten.
Ich habe Dich verteidigt gegen Vorwürfe, die in Deinen Konzepten die Rhizome
faschistischen Denkens sehen und mehr als einmal mein Bedauern darüber
geäußert, dass Konzepte, die im Kontext einer Ausbildung von
hochqualifizierten Therapeuten interessante und wertvolle Anregungen bieten,
durch den Showcharakter von Großveranstaltungen entwertet werden. Ich sehe
es heute als Fehler an, dass ich Dich 1995 zu einer solchen nach Bremen
eingeladen habe, und so selbst mit dazu beigetragen habe, dass es durch
diese Art der Präsentation zu einer Inflationierung Deiner Konzepte kam. Ich
denke, dass Du durch den ungeheuren Zulauf den Sinn für Maßstäbe verloren
hast - und so droht nun alles kaputtzugehen, was Du aufgebaut hast, ja
vielleicht noch mehr, denn Hunderte, vielleicht sogar noch mehr der
Therapeuten, die sich in ihrem Vorgehen auf Dich berufen, berufen sich auch
auf die Systemische Therapie. Mit dem Buch "Zweierlei Glück" wurde Dein
Ansatz als systemischer Ansatz markiert und ist mit diesem Modell seither
verbunden.
Ich bin Vorsitzender der Systemischen Gesellschaft, eines der beiden großen
Dachverbände für systemische Therapie - und so ist mir das auch jenseits
persönlicher Betroffenheit und Enttäuschung alles andere als einerlei. Wir
haben uns von der SG aus bemüht, differenziert Stellung zu beziehen und
nicht in die undifferenzierte Kritik oder ignorante Polemik einzustimmen,
die bei vielen Kritikern zu beobachten ist. Es ging uns darum, deutlich die
Grenze zu markieren zwischen einer Aufstellungsarbeit, die mit
systemisch-konstruktivistischem Denken vereinbar ist und einer, die diesem
nicht entspricht und nicht passt. Und dennoch - es rumort und gärt weiter in
der "systemischen Szene" und - ich erlebe es wie eine Spaltungsdynamik, die
von Dir ausgeht - die immer stärker werdende Polarisierung macht mir
ernstlich Sorgen.
Nun kommt noch etwas Aktuelles dazu. Ein Kollege mailt mir einige
Internetadressen, in denen ich Aussagen von Dir lese wie:
a.. "(Das) jüdische Volk (findet) erst dann seinen Frieden mit sich
selbst, mit seinen arabischen Nachbarn und mit der Welt, wenn auch der
letzte Jude für Hitler das Totengebet gesprochen hat" (aus: Mit der Seele
gehen, 2001, S. 50)
b.. Und eine "Rede an Hitler": "Wenn ich dich achte, achte ich auch mich.
Wenn ich dich verabscheue, verabscheue ich auch mich. Darf ich dich dann
lieben? Muss ich dich vielleicht lieben, weil ich sonst auch mich nicht
lieben darf?" (aus: "Gottesgedanken", S. 247).
c.. Gleichzeitig sehe ich Fotos, wie Du in die ehemalige Reichskanzlei in
Berchtesgaden, Dein aktuelles Wohnhaus einziehst.
Dazu fällt mir nun wirklich nichts mehr ein. Oder vielmehr: es fällt mir
doch eine Menge ein! Ich erinnere mich etwa daran, wie enttäuscht ich war,
als mein israelischer Freund, dem ich Dein Aufstellungsvideo über die Arbeit
mit Holocaustopfern und ihren Nachkommen gegeben hatte, mir sagte, er habe
aus Empörung über Dich und Deine Arroganz das Band nicht zuende sehen
können. Heute denke ich, ich habe mich in Dir getäuscht (und dafür muss ich
natürlich selbst die Verantwortung übernehmen). Ich habe etwas nicht sehen
können, was er sehr scharf wahrgenommen hat - ob Du nun sagen wirst, er als
Jude müsse sich erst noch vor seinen Eltern, beide polnische KZ-Opfer -
verneigen oder gemäß der "Gottesgedanken" vor Hitler? Bert, das geht zu
weit! Deine Aussagen in der Rede sehe ich als schwammige Wertaussagen, die
in ihrer Allgemeinheit für alle Menschen gelten, - jeder Mensch hat ein
Recht auf die Anerkennung seines Menschseins und auf Respektierung dieser,
auch wenn er gerade dieses Recht Millionen anderer Menschen verweigerte.
Hitler bleibt Symbol für die tiefsten und finstersten Verirrungen, in die
ein Mensch in einer besonderen historischen Situation hineingeraten - und
auch aktiv hineingehen kann. Und es ist und bleibt verfehlt, dies zu
relativieren, durch welche Art von Begriffen und Beschreibungen auch immer.
Und so möchte ich heute Dir gegenüber klar Position beziehen - nicht
versteckt hinter allgemeinen Aussagen oder einer Verbandsstellungnahme. Ich
muss und will es sehr deutlich sagen: das, was ich in den letzten Jahren von
Dir gehört und mitbekommen habe, kann ich nicht mittragen - weder die
krassen Kausalzuschreibungen, noch die unglaublich verkürzten Ideen über
psychosomatische Zusammenhänge, noch die Vorstellungen, einer "Wahrheit"
teilhaftig zu sein, noch die mehr und mehr allgemein werdenden Aussagen über
Männer und Frauen. Und nun Deine letzten Aussagen - verbunden mit dem Einzug
in Hitlers Wohnhaus stellen sie in meinen Augen eine unglaubliche
Instinktlosigkeit dar. Das kann doch nicht sein! Ich fasse es nicht! Meine
Absage gilt jeder Form von absoluten und totalitären Beschreibungen und in
diese sehe ich Dich immer mehr hineingeraten.
Das Ganze wäre Deine Privatsache oder eine Angelegenheit einer Gruppierung
wie vielleicht einer Sekte. Doch die Konzepte, die Du verwendest und
propagierst, sind zum Teil aus der systemischen Familientherapie gekommen,
zum Teil werden sie in der Öffentlichkeit mit ihr gleichgesetzt. Weißt Du,
was Du der Systemischen Therapie damit angetan hast? Wahrscheinlich wirst Du
nun irgendetwas Kluges sagen wie, dass Du nicht für das verantwortlich bist,
was Deine Schüler - ach ich vergaß, Du hast ja keine - aus dem machen, was
Du vertrittst. Nein, ich sehe Dich als verantwortlich! Du hast Konzepte
aufgegriffen und weiterentwickelt, die im Kontext systemischer Therapie
genutzt werden und die auch weiter nutzbar sind - sofern sie professionell
sorgfältig und vorsichtig eingesetzt werden. "Aufstellungsarbeit nach
Hellinger" hat mit systemischer Therapie, so wie ich sie verstehe, nichts zu
tun! Die Chance bestand - und als ich Dich Ende der 80er Jahre kennen
lernte, dachte ich, dass es so werden würde -, dass diese Konzepte die
systemische Therapie um interessante Facetten erweitern würde, dass Du einen
Satz von Heuristiken im Sinne von Möglichkeiten anbieten würdest, die helfen
können, das Geschehen in Systemen besser zu verstehen und darauf aufbauende
Instrumente, die therapeutisch hilfreich sind. Ich habe deshalb auch gegen
manche Widerstände dafür gesorgt, dass ein Abschnitt über diese Konzepte in
das "Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung" hineinkommt.
Und viele der Gedanken, die ich bei dir kennengelernt habe, finde ich ja
auch noch heute anregend und oft auch als hilfreiche Möglichkeiten. Doch
erlebe ich, dass Du alles, was Du an Gutem aufgebaut hast, selbst
entwertest, indem Du durch unsägliche Kommentare, verbunden mit einer
Attitüde von Allwissenheit nicht nur Dich, sondern auch die systemische
Therapie der Lächerlichkeit und der Zwielichtigkeit anheim gibst. Das ist
eigentlich das, was ich am meisten bedaure: Du hättest die Psychotherapie
als Ganzes ein Stück weiterbringen können. Doch Deine Entwicklung ist anders
weiter gegangen.
Si tacuisses, Bert!
Leb wohl!

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